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Übersetzung des Interviews aus der Krasnoyarsker Zeitung vom 15. Mai 2009
http://www.krskstate.ru/nkk/planeta_ludey/0/id/1499

Herby in Krasnojarsk 2009
Was dem Deutschen gut tut ...

15.05.2009 Region Krasnojarsk, Offizielles Portal

Deutschland ist ein Land, das sich kaum jemand mit dem Schamanismus verbindet. Nichtsdestoweniger ist unser heutiger Gesprächspartner – Herbert Wagner, der Deutsche, der sein Leben dem Studium der musikalischen Kultur des tuwinischen Volkes widmete und im besonderen - der musikalischen Welt der tuwinischen Schamanen.

Er ist in Bayern 1963 geboren. Er studierte an der Universität Mathematik und Informatik, sein Hauptberuf ist
die Computerkartografie. Damit verdient er genug, um alle paar Jahre eine weite Reise zu unternehmen, er kommt zu den "Schamanenautonomien" Russlands – Tuva, Jakutien und Ewenkien. Jedes mal kommt Herbert unbedingt in Krasnojarsk vorbei, wo er kostenlose Konzerte gibt. Der Gelehrte-Ethnograph, der Doktor der historischen Wissenschaften, der Patriarch der Schamanenwissenschaften und der lebenslängliche Präsident der tuwinischen Schamanen Mongush Kenin-Lopsan hat in diesem Fall einen offiziellen Brief geschrieben: «Herbert Wagner – der ausgezeichnete Schamane, mit seiner Kunst und Schamanenmelodie wird er das Glück den Menschen der verschiedensten Nationalitäten bringen. Ich bestätige, dass er wahrhaftig der Schamane der
internationalen Kategorie ist». Unser Held ist auf diesen Brief sehr stolz, ist er doch der einzige Ausländer, den die tuwinischen Schamanen als einen von ihnen anerkannt haben.

– Als ich 2004 zum ersten Mal nach Tuva auf das Festival gekommen bin, war es für mich kompliziert. Dazu verstand ich kein Wort russisch. Jetzt ist alles anders, in vieler Hinsicht Dank Kenin-Lopsan – dem alten und weisen Menschen, der mir die hohe Ehre erwies. Es ist die beste Empfehlung für mich, die mir auf den Reisen hilft, mit anderen Schamanen zu verkehren und das ihnen etwas über die Ernsthaftigkeit meiner Absichten sagt. Mich interessieren die alten Kulturen seit langem. Übrigens, wenn man tiefer eindringt kann man viel Unerwartetes für sich erfahren, zum Beispiel, daß die indischen Mantras mit den jakutischen in vielerlei Hinsicht ähnlich sind.

Der Schamane – der allgemeine Begriff

– Erzähle, wie du anfingst, dich für die Kultur der alten Völker Sibiriens zu begeistern. Wie bist du auf den Weg des Schamanen gekommen?

– Mit 14 Jahren habe ich verstanden, dass ich anders bin, ich begann Dinge zu sehen und zu fühlen, die andere nicht verstanden. Fünfzehn Jahre versuchte ich, mich zurechtzufinden, zu verstehen, warum ich etwas sehe, was für andere unzugänglich ist, die Musik hat mir geholfen. Ich habe begonnen Konzerte zu geben. Die Musik, die ich spielte war unähnlich der europäischen. Am Anfang kamen die Organisatoren zu mir und sagten: «Also, Danke, Herbert, – das ganze Publikum ist weggelaufen!» Aber ich dachte nicht daran – mir gefiel es zu spielen, und ich wusste, dass ich alles richtig mache.

Als ich das erste Mal nach Tuva gekommen bin und mich mit den Schamanen getroffen habe, haben sie mir gesagt: «Wir wissen nicht, woher du solche Kraft hast, wer hat dich so schnell gelehrt, so eigenartig und unmöglich zu spielen. Wie machst du das? Wer sind deine Lehrer?» Ich weiß bis jetzt nicht, was ich auf solche Fragen antworten soll. Ich liebe es Musik zu spielen und das ist alles, und diese Erfahrung teilten mit mir viele Menschen in Afrika, Australien, Jakutien und Tuva. Einige Instrumente habe ich mir selbständig gelernt. Ich bemühe mich überall, etwas passendes für mich zu finden.

Neben dem Haus in Bayern habe ich eine mongolische Jurte aufgebaut und ein «Schamanenzentrum» eröffnet. Als "das schamanische Zentrum" nenne ich es zum Scherz, weil es solche jetzt in Europa sehr viele gibt, die Menschen studieren dort etwas und halten sich ernsthaft für Schamanen. Aber in Wirklichkeit haben sie weder die Gabe der Voraussicht, noch die langjährige Praxis. Solcherart sind es 95 Prozent. Aber in einer Woche wird man kein Schamane.

Einmal pro Woche trete ich im "Schamanenzentrum auf", ich erzähle über die Reisen, ich spiele Musik, ich bemühe mich, den Menschen zu helfen, die sich für die selben Sachen wie ich interessieren. Ich habe vor noch eine Tee-Jurte und ein Jurtenhotel aufzustellen, für den Komfort der Angereisten.

– Welche Stelle haben die Schamanen in der modernen Welt? Mit deinem Schamanenblick, wer ist das eigentlich?

Es sind Menschen, die wissen wie man diese oder jene Situation harmonisiert, und kennen den Raum um den Menschen. Schamane ist ein allgemeiner Begriff. Sogar in Sibirien wird nicht überall dieses Wort verwendet,
es existieren eine Menge Begriffe. In Europa – die Druiden, zum Beispiel, aber sie sind keine Schamanen. In Amerika nennt man fälschlicherweise einige Indianer auch Schamanen, obwohl sie eigentlich «Medizinmänner» – die Gesundbeter oder Heiler sind. Das sind verschiedene Sachen!

In Jakutien, wo Hundert verschiedene Schamanentume existieren, gibt es Begriffe, wie «Udagan», oder «Ojun». In Tuva ist auch alles verschiedenartig.

Jetzt wird in der Welt dieses Wort für alles verwendet. Es ist sogar der Begriff "Schamanismus" erschienen, der an und für sich nichts bezeichnet.

– Manchmal nennt man Personen unerwartet Schamanen.Zum Beispiel, einige meinen, dass Hitler mit seinen Schreien und der Gestik schamanisierte.

– Noch ein Beispiel, wie das Wort "Schamane" falsch gedeutet wird. Natürlich, ist es Unsinn – lesen Sie die Geschichte! Hitler war kein Schamane, sehr wahrscheinlich sehr grausamer und sehr böser schwarzer Magier, was sowohl an seiner Symbolik, als auch an seinen Taten zu sehen ist.

Musik wie eine Reise

– Alle Musiken (nur so und nicht anders – es gibt viele Musiken) kann man einteilen, in die, die für den Ausdruck irgendwelcher Gedanken und der Gefühle geschrieben wurden, und in die, die für den Autor und den Musiker Schlüssel zur Erkenntnis des Universums sind. Welcher Liebhaber dieser zwei Richtungen kann man dich nennen?

– Keiner. Meine Musik ist meine erste, meine natürlichste Sprache, mit der ich mit den Menschen spreche. Ich kann mich auf deutsch, auf bayrisch, auf russisch und auf englisch unterhalten, aber nicht alle werden mich verstehen. Wenn ich spiele – versteht mich jeder, unabhängig von der sprachlichen Zugehörigkeit.

Ich war ein Musiker, der wie ein Schamane arbeitete, aber selbst vermutete ich es nicht. Wenn ich Musik spiele reise ich wie in der Zeit, und wenn ich aufhöre zu spielen kommen bei mir immer die neuen Eindrücke und die Kenntnisse hervor. Wie beim Touristen, der aus dem Urlaub zurückkehrt. Und so war es immer.

Die Musik ist für mich nicht die Art und Weise Geld zu verdienen, für mich ist anderes wichtig. Mir gefällt es neue Instrumente zu lernen, verschiedenen Menschen zu begegnen, zu spüren, dass sie meine Musik fühlen. Ich improvisiere gerne und in der Zukunft hoffe ich zusammen mit anderen Musikern aufzutreten. In Jakutsk spielte ich drei bis vier Konzerte jeden Tag ganz umsonst.Das ist sehr viel, aber alles deckt sich mit der Möglichkeit, mit Überschuss, neue Eindrücke zu bekommen, innerlich bereichert zu werden, mit den Hörern umzugehen, zu erkennen, wie sie wahrnehmen was ich mache. In meiner Heimat gibt es auch Menschen, die  meine Musik mögen und fühlen, aber leider sind es wenige. In Sibirien habe ich den Hörsaal gefunden.

Ich wurde noch nicht nach Moskau oder Sankt Petersburg eingeladen um dort aufzutreten, aber ich möchte es sehr. In den großen Städten gibt es auch mehr Zuhörer.

– Wie verhalten sich deine Eltern zu deinem für Europa so exotischen Hobby?

- Mein Vater ist vor 25 Jahren leider gestorben. Meine Mutter lebt und ihr gefällt es sehr zuzuhören wie ich musiziere.

– Und wen bevorzugst du selbst zuzuhören? Wagner?

– Ich höre fast keine Musik. Ich habe zu Hause keinen Fernseher und keinen Radio nur einige CDs mit jakutischer und tuvinischer Musik, ich höre ihnen zwei-drei Mal im Jahr zu. Wenn es mir nach Musik zumute ist, spiele ich selbst für mich, so dass man sagen kann, dass ich Wagner, aber nicht Richard bevorzuge. (Lächelt.)

Den Stereotypen nicht unterworfen

– Im Ausland existiert über Russland die stereotype Vorstellung – der Frost, die Filzstiefel, die Balalaika …

– Ja, so ist es. Aber ich war den Stereotypen nicht wie andere unterworfen. Bevor ich das erste Mal nach Russland kam, sammelte ich 10 Jahre Informationen darüber, las über die Kultur Tuvas, hörte dem Kehlgesang zu. Im Internet habe ich viel gefunden. Als ich angekommen bin, konnte ich selbst feststellen, was von dem Geschrieben die Wahrheit ist  und was nicht. Natürlich, ich hörte viel, dass in Russland auf den Straßen die Bären laufen ...

– Übrigens sie laufen manchmal wirklich. In den warmen Wintern, wenn sie nicht schlafen gehen sie zu den Menschen auf der Suche nach der Nahrung hinaus.

– Ich habe auch gelesen, dass Sie immer die riesigen Mengen Wodka trinken. Ich weiß, dass einige das auch machen, aber sie interessieren mich nicht, wie auch sie wird es kaum interessieren mit was ich mich beschäftige. Hier beschäftige ich mich mit den Schamanen, den Studenten, den Musikern, den Doktoren, den Lehrern, und ich sah nicht, dass sie viel Wodka tranken. Manchmal trinken sie vielleicht, aber nicht so viel, wie ich im Fernsehen hörte.

– Und, hast du den russischen Wodka selbst probiert?

– Nein, ich trinke Alkohol schon seit 17 Jahren nicht mehr. Und die Menschen wissen, dass ich nicht trinke, sie bieten ihn mir nicht an, wenn ich zu Besuch bin. Für den Schamanen ist es sehr schlecht zu trinken, in Tuva sah ich, wie einige den Alkohol in den Ritualen verwenden, aber es ist falsch. Ich habe darüber gesprochen, aber mir
haben sie widersprochen, dass ich die Tradition nicht verstehe. Aber dann ist es die falsche Tradition, weil der wahre Schamane weiß, dass der Alkohol den Menschen nur schadet.

Gesprächspartner: Leonid Solnikov
Foto: Galina Dombrovckaja